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ROUNDUP/Heereschef: 'Wir müssen künftig anders kämpfen'

Thu Apr 30 06:35:03 CEST 2026

MUNSTER (dpa-AFX) - Drohnenangriffe, Satellitenbeobachtung, KI-Waffen: Die deutschen Landstreitkräfte ziehen grundsätzliche Schlüsse aus einer veränderten Bedrohung auf dem Gefechtsfeld. "Durch Transparenz des Gefechtsfeldes, technologischen Fortschritt und Automatisierung der Waffen entstehen neue Möglichkeiten, auch über weite Entfernung präzise zu wirken", sagt der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Christian Freuding, der Deutschen Presse-Agentur.

Mit einer laufenden Lehr- und Versuchsübung "Wie das Heer kämpfen wird" sammeln die Soldaten derzeit auf dem niedersächsischen Truppenübungsplatz Munster Erfahrungen mit veränderten Bedrohungen. Am Donnerstag will sich auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in Munster darüber informieren lassen.

Tiefgreifende Veränderungen beim Heer

Für die Männer und Frauen der Bundeswehr gebe es im Kampf "keine geschützten Räume mehr", sagt Freuding. Das habe für die Landstreitkräfte revolutionäre Folgen.

"Massierung, also das gezielte Zusammenziehen und Konzentrieren von Truppe und Waffenwirkung an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit, war über Jahrhunderte die Voraussetzung für eine solche Schwerpunktbildung, für Initiative, für Entscheidung. Diese Massierung wird heute zum inhärenten Vernichtungsrisiko", sagt er. Und: "Wir müssen künftig anders kämpfen."

Dazu gehört nicht nur Vernetzung aller Ebenen und der Einsatz unbemannter Systeme. Um nicht leichtes Ziel zu sein, müssen die Soldaten aufgelockert in der Fläche verteilt, gar vereinzelt und nur als Ausnahme und zeitlich begrenzt "massiert" auftreten. Das Heer schaut dabei auch auf die Kampfweise des möglichen Gegners.

Das neue Kriegsbild: Transparenz und Einsatz von Masse

Russland hat gegen die Ukraine im vergangenen Jahr schätzungsweise bis zu 300.000 Kleindrohnen sowie rund 100.000 sogenannte Kamikazedrohnen eingesetzt. Gegen eine solche Masse müssen günstige Abwehrwaffen her, um durchhaltefähig zu sein.

So nutzt Russland gegen die Ukraine Drohnen der ursprünglich iranischen Bauart Shahed, die aktuell wohl etwa 25.000 Euro pro Stück kosten. Um auch ökonomisch den Spieß umzudrehen, müssten Abfangwaffen deutlich billiger sein. Jedenfalls sind die rund 4 Millionen Euro teuren Patriot-Lenkflugkörper nicht die richtige Antwort.

Zudem erhöht der Datenfluss aus Beobachtungssystemen sowie der Einsatz von KI-Waffen das Tempo im Gefecht enorm. Deutsche Militärs haben in ukrainischen Gefechtsständen gesehen, wie im Sekundentakt Informationen eintreffen, ausgewertet und für die Bekämpfung des Gegners genutzt werden.

Die Daten vereinfachen auch den Einsatz unbemannter und autonomer Waffensysteme. Die Bundeswehr und die deutsche Rüstungsindustrie sind hier von eher hinteren Plätzen zur Aufholjagd gestartet, weil es lange Zeit politische Bedenken gegen diese Waffensysteme gab.

Der mögliche Gegner rüstet auf - Was Russland kann

Erklärtes Ziel Russlands ist es, seine Streitkräfte auf 1,5 Millionen aktive Soldaten zu vergrößern. Erwartet wird, dass dies noch in diesem Jahr erreicht wird. Zugleich lernt das russische Militär schnell und rüstet im großen Maßstab auf, wie das deutsche Militär beobachtet.

Westliche Militärexperten erwarten, dass Russland nach einem möglichen Ende des Ukraine-Kriegs innerhalb von zwei Jahren über mehr als 20 Divisionen des Heeres in den neu angelegten westlichen Militärbezirken verfügen könnte. Diese sind dann für einen Angriff bereit. Eine Division kann in den russischen Streitkräften 10.000 bis 20.000 Soldaten zählen.

Zum Vergleich: Das deutsche Feldheer - also die Kampftruppe zu Lande

- besteht derzeit aus drei Divisionen, darunter die 1. und 10.

Panzerdivision sowie die Division Schnelle Kräfte (DSK) als leichte und hochbewegliche Infanterie. Eine deutsche Division umfasst inklusive Unterstützungskräften etwa 20.000 Soldaten. Die deutschen Divisionen würden im Fall der Fälle zusammen mit den anderen Nato-Verbündeten kämpfen.

Die russischen Großverbände als möglicher Gegner werden jedoch kampferfahren sein, mit Artillerie und Flugabwehr ausgestattet und über moderne Fähigkeiten zum sogenannten elektronischen Kampf verfügen. Dabei geht es darum, gegnerische Kommunikation und Sensoren zu stören, während eigene Systeme geschützt werden.

Zentrale Bedeutung des Schutzschirms neuen Kampf

Um unter den veränderten Bedingungen auf dem Gefechtsfeld noch beweglich und handlungsfähig zu sein, ist ein sogenannter Schutzschirm nötig. Er besteht aus Tarnung, Sensoren und Warnmitteln gegen Angriffe des Gegners sowie den eigenen Waffensystemen. Der Schutzschirm reicht vom Einzelschützen bis hin zum Luftverteidigungssystem.

Die Bundeswehr und ein möglicher Gegner werden entlang von Kampfgebieten um den Aufbau und dauerhaften Erhalt ihrer eigenen Schutzschirme ringen müssen, wobei sich diese teils überlagern, so die Annahme. Es wird Phasen geben, in denen in diesem kritischen Raum unbemannte Systeme gegeneinander antreten.

Russland werden dabei im elektronischen Kampf besondere Fähigkeiten bescheinigt, während die Bundeswehr diesem Feld in den letzten Jahrzehnten keine vergleichbare Aufmerksamkeit gewidmet hatte. Wichtig für die kämpfende Truppe der Bundeswehr ist dabei auch die Digitalisierung ihrer Kommunikation. Das laufende Milliardenprojekt dazu kämpft derzeit aber noch mit Verzögerungen und erheblichen technischen Schwierigkeiten./cn/DP/zb

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